Ein Jahr analog fotografieren


Mein Abschlussfazit
Ein Jahr ist vergangen. Zwölf Monate, zwölf Filme, 300 Fotos und viele Eindrücke, die sich schwer in Pixeln messen lassen. Ich hatte mir einiges vorgestellt. Manches davon ist eingetreten. Einiges kam ganz anders.
Wer Teil 1 dieses Projekts gelesen hat, weiß: Ich hatte mir vorgenommen, ein Jahr lang ausschließlich analog und in Schwarzweiß zu fotografieren. Mit einer Zenit ET Kamera, einem einzigen Filmtyp und dem festen Willen, das Fotografieren wieder bewusster zu machen. Was daraus geworden ist und was es verändert hat, davon handelt dieser Abschlussbeitrag.
Wenn der Film zweimal reißt und du die Konsequenzen ziehst
Der Plan war klar: Ilford HP5, 24 Bilder, konsequent durch das Jahr. Dann riss mir der Film. Beim Zurückspulen in der Kamera. Nicht einmal, sondern zweimal.
Jedes Mal mit dem mulmigen Gefühl: Sind die Aufnahmen noch zu retten? In solchen Momenten erlebt man sehr direkt, was analog bedeutet: es gibt kein Backup, kein Rückgängig. Das Bild ist entweder da, oder es ist weg.
Ich habe die Konsequenz gezogen und bin auf den Kentmere Pan 400 umgestiegen, einen S/W-Film, den ich unkompliziert beim Rossmann bekommen habe. 36 Aufnahmen statt 24, und keine Probleme mehr beim Zurückspulen. Eine pragmatische Entscheidung, die das Projekt nicht kompromittiert hat, sondern mir ermöglicht hat, weiterzumachen. Manchmal ist das Loslassen eines Plans die klügere Wahl.
Mehr als ein Objektiv, mehr als ein Blickwinkel
Neben dem Helios-44M-4, das von Beginn an dabei war, habe ich im Laufe des Jahres mit drei weiteren Objektiven gearbeitet: dem Weltblick 55mm 1:2.8, dem Danubia 500mm 1:8 und dem Maksutov MTO 1000mm, der sogenannten Russentonne.
Jedes dieser Objektive hat seine eigene Charakteristik. Und jedes hat das Projekt in eine neue Richtung gelenkt.
Am meisten hängengeblieben sind mir das Helios und das Maksutov 1000mm. Das Helios wegen seiner Wärme, dem leichten Swirl im Bokeh, dem Gefühl von Vertrautheit. Das Maksutov wegen seiner schieren Unmöglichkeit: Fokussierung ohne Stativ? Kaum machbar. Das Objektiv hat durch die seine Bauweise ein einzigartiges Donut Bokeh und belohnt den Anwender für seine Geduld.
Was mich dabei überrascht hat: Bilder mit langen Brennweiten erzeugen etwas, das ich nicht vollständig erklären kann und das offenbar auch anderen so geht. Wer meine Fotos im Vorfeld gesehen hat, blieb bei diesen Aufnahmen länger stehen, ohne konkret sagen zu können, warum. Der komprimierte Bildraum, die fremdartige Tiefe, der Look, der sich klar von Smartphone-Aufnahmen abhebt. Da steckt etwas drin, das staunen lässt.




Die Dunkelkammer als Geduldsprobe und Ausgleich
Die Selbstentwicklung war der Teil des Projekts, bei dem ich am meisten gelernt habe. Und auch der Teil, bei dem ich am meisten geflucht habe.
Das Aufwickeln des Films auf die Entwicklungsrolle ist eine dieser Tätigkeiten, die sich einfach anhören und in der Praxis nervenaufreibend sein können. Besonders nach dem Wechsel auf den Kentmere Pan 400 mit seinen 36 Bildern, denn der Film ist länger, und in den letzten Zentimetern verhakt er sich gerne. Mehr als einmal musste ich abwickeln und von vorn beginnen.
Ich habe irgendwann gelernt: Wer hetzte, verlor. Die besten Ergebnisse entstanden, wenn ich wirklich Zeit und Lust auf die Entwicklung hatte. An einem hektischen Tag ist mir die Entwicklerflüssigkeit umgekippt. Es hat sehr lange gedauert, die Sauerei wegzumachen. Das war einer jener Momente, in denen ich alles hätte in die Tonne werfen können.
Aber ich habe es nicht. Und rückblickend bin ich froh darüber.
Die Zahlen: 12 Filme, 300 Fotos, ein Album
Ein Jahr analog fotografieren bedeutet für mich: 12 belichtete Filme. Und ohne Ausschuss 300 Fotos, die es in mein physisches Fotoalbum geschafft haben.
Kein Instagram-Grid. Kein digitales Archiv. Ein Album. Das man aufschlagen, anfassen und durchblättern kann. Genau so, wie ich als Kind an den Tischen der Erwachsenen saß und Bilder in die Hand bekam, die Geschichten erzählten.
Das war von Anfang an der Plan und ich freue mich, dass er aufgegangen ist.

Was sich wirklich verändert hat und was nicht
Das Projekt hat viele kleine „AHA“-Momente produziert. Experimente, die unerwartet funktioniert haben. Aufnahmen, die ich selbst nicht erwartet hätte.
Aber das Wertvollste, was ein Jahr analog fotografieren mir mitgegeben hat, ist etwas anderes: Ich gehe mit Licht anders um. Eine Zeitlang war es so, dass ich jeden Raum betrat und sofort nach der besten Lichtquelle gesucht habe. Nicht als Reflex eines Fotografen, sondern als echtes Sehen. Diese Gewohnheit habe ich bis heute beibehalten.
Auch die digitale Arbeit hat sich verändert. Der Fokus liegt jetzt darauf, das perfekte JPEG direkt in der Kamera zu erzeugen, statt ein brauchbares RAW zu machen, das später in Lightroom bearbeitet wird. Natürlich kommt man bei Auftragsarbeiten manchmal nicht drum herum. Aber die Haltung hat sich verschoben. Weniger Datenmüll. Mehr Konzentration auf den entscheidenden Moment.
Ein Jahr durch meine Linse
Es ist ein besonderes Gefühl, dieses Projekt abgeschlossen zu haben. Ein Jahr lang ausschließlich analog zu fotografieren, war mehr als nur eine technische Entscheidung, es war eine bewusste Rückbesinnung auf das Wesentliche. Heute blicke ich mit großer Freude und Dankbarkeit auf diese Zeit zurück.
Meine Erwartungen wurden in beide Richtungen übertroffen. Ich habe mehr gelernt, als ich vermutet hätte, und bin zugleich auf größere Herausforderungen gestoßen, als ich sie mir vorgestellt hatte.

Die wichtigste Frage zuerst: Bin ich dadurch ein besserer Fotograf geworden?
Ja.
Nicht, weil ich zuvor alles perfekt umgesetzt hätte, was ich mir vornahm. Sondern weil ich schneller und präziser geworden bin. Der Prozess des bewussten Fotografierens hat sich geschärft. Ich nähere mich einem Motiv zielgerichteter, fokussierter. Die Vision vor meinem inneren Auge ist genauso klar wie zuvor, doch ich setze sie heute effizienter um.
Diese Klarheit spart nicht nur Zeit, sondern auch unnötige Aufnahmen. Weniger Ausschuss, mehr Konzentration auf den entscheidenden Moment. Und das wirkt sich nicht nur privat, sondern auch beruflich aus. Schnelligkeit, Präzision und Qualität sind nicht nur ästhetische, sondern auch wirtschaftliche Werte.
Doch dieses Jahr war nicht frei von Rückschlägen. Mehrfach rissen mir Filme beim Zurückspulen, jedes Mal begleitet von der Sorge, kostbare Aufnahmen unwiederbringlich verloren zu haben. Umso größer war der Stolz, wenn es gelang, wenigstens einen Teil der Bilder zu retten.
Im letzten Monat trat zudem verstärkt eine Fokusverschiebung auf, eine minimale mechanische Ungenauigkeit der Kamera, bei der die Schärfeebene nicht exakt dort liegt, wo sie im Sucher angezeigt wird. Sichtbar wurde dieses Problem erst nach der Entwicklung der Filme. Ein klassisches Phänomen mechanischer Kameras, das sich während des Fotografierens nicht kontrollieren lässt. Auch das gehört zur analogen Realität und war schon zu Zeiten der Zenit ET Teil des fotografischen Alltags.
Rückblickend hatte ich mit vielen Herausforderungen zu kämpfen, die Fotografen dieser Ära nur zu gut kannten. Und ja, es gab Momente mit wenig Motivation. Besonders in den Wintermonaten, wenn das Licht knapp und die Tage kurz waren, fiel es mir schwer, die Kamera in die Hand zu nehmen. Doch gerade diese Phasen haben mir gezeigt, dass Fotografie nicht nur Inspiration, sondern auch Disziplin bedeutet.
Würde ich es wieder tun?
Ja.
Aber anders. Vielleicht mit einer anderen Kamera. In Farbe. Möglicherweise mit einem klaren Fokus auf Porträts. Nicht, um das Vergangene zu wiederholen, sondern um erneut zu lernen.
Dieses Jahr hat mir gezeigt, dass analoge Fotografie keine nostalgische Spielerei ist. Sie ist eine Haltung. Eine Entscheidung für Achtsamkeit, für Geduld und für bewusste Reduktion.
Und genau deshalb war es jede einzelne Aufnahme wert.
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